Eine vollkommen neuartige Werkstoffgruppe ist auf dem Weg,
wichtige Aufgaben bei der Lösung zahlreicher technischer und ökologischer Probleme
wahrzunehmen - die organischen Metalle. Der erste Vertreter dieser Art, das
Poly-phenylenamin, wird derzeit von einem mittelständischen Chemieunternehmen, der
Ormecon Chemie GmbH & Co. KG (einer Tochter der Zipperling Kessler & Co.) aus
Ammersbek bei Hamburg nach nunmehr über 15 Jahren Grundlagenforschung unter dem
Handelsnamen ORMECON in den Weltmarkt eingeführt. Erste kleine kommerzielle Anwendungen
wurden in den letzten Jahren entwickelt und wurden seit 1995 erstmalig regelmäßig
praktiziert.
Organische Metalle (die man früher mehr als intrinsisch leitfähige Polymere"
bezeichnet hat) sind organische Verbindungen mit hohem Molekulargewicht (Polymere), die
einige für Metalle charakteristische Eigenschaften aufweisen. Im Rahmen der
Effizienzrevolution Faktor 10" sind besonders hervorzuheben:
Poly-phenylenamin ist aufgrund seiner Stellung in der Spannungsreihe eines der edleren
Metalle (es steht zwischen Kupfer und Silber)
- im Gegensatz zu allen anderen Metallen kann es nicht nur oxidiert, sondern auch
reduziert werden
- im Gegensatz zu den bekannten Metallen verliert es dabei aber nicht seine Form, sondern
ändert nur seinen Oxidationszustand und verliert natürlich (wie auch Kupfer oder Eisen)
seine metallischen Eigenschaften.
Das Problem der organischen Metalle besteht darin, daß sie nicht schmelzbar und nicht
löslich sind, also mit metallurgischen oder Kunststoffverarbeitungsverfahren nicht
verarbeitbar sind. Zipperlings Forschungs-Beitrag zu diesem Problem bestand darin,
auf chemischem Wege eine dispergierbare Form des Poly-phenylenamins herstellbar zu machen
sowie Dispersionsmethoden und Formulierungen zur Applikation des neuen Stoffs zu finden.
Inzwischen ist das mittelständische Unternehmen als erstes Unternehmen weltweit in der
Lage, eine ganze Reihe unterschiedlicher Produkte kommerziell anzubieten. In 2 Bereichen
scheint es möglich zu sein, einen Faktor 10" zu ermöglichen:
Leiterplattenfertigung
Leiterplatten müssen nach ihrer Herstellung mindestens 1 Jahr
lötfähig sein. Hierzu wird in der aufwendigen, ca 170 Arbeitsschritte umfassenden
Leiterplattenherstellung heute weltweit ein Fertigungsschritt praktiziert, bei dem ca 30 g
Zinn pro Quadratmeter erforderlich sind. Das hier verwendete Zink enthält normalerweise
ca 37% Blei. Der weltweite Verbrauch dieser Legierung beläuft sich für diese Anwendung
schätzungsweise auf 750 Tonnen pro Jahr, darin über 250 t Blei.
Nach Vorbehandlung des Kupfers mit einer extrem feinen Dispersion des organischen Metalls
konnte die Aufbringung des Zinns extrem verbessert werden. Hierdurch werden weitere
deutliche Verkleinerungen der Leiterplatten möglich. Zusätzlich können die
Aufbringungsverluste nun praktisch vollständig vermieden werden, so daß nur noch etwa 5%
der Zinnmenge für die gleiche Fläche erforderlich sind. Dies entspräche einer Reduktion
des Zinn/Blei-Verbrauchs um über 700 Tonnen pro Jahr. Hinzu kommt eine sehr nennenswerte
Energieeinsparung
Diese Effizienzsteigerung wird mit einem vergleichsweise geringen Aufwand des neuartigen
metallischen Kunststoffs Polyanilin erreicht. Mit einem Liter der Polyanilin-Dispersion
können ca 10 m² produziert werden, wobei die Polyanilin-Belegung bei nur ca 15 mg pro
m² liegt. Als Dispersionsmittel dient Wasser.
Die Effizienzsteigerung beträgt hier also deutlich mehr als einen Faktor 10, nämlich bis
20.
Derzeit wird diese neue Technologie bereits kontinuierlich in einigen Leiterplattenwerken
bei einem Teil der Produktion angewendet, die produzierten Platten werden in kommerziellen
Geräten eingesetzt. Man erwartet, daß diese Technologie bald aus dem Teststadium
heraustritt und schnell weltweit angewendet wird.
Wenn auch der Gesamtverbrauch an Zinn/Blei in diesem Fertigungsschritt im ökologischen
Maßstab vernachlässigbar erscheint, so zeigt das Beispiel doch, daß mit vollkommen
neuartigen technologischen Ansätzen durchaus enorme Effizienzsteigerungen realisierbar
sind. Auch in der Leiterplattenfertigung wird das organische Metall noch weitere
Verbesserungen ermöglichen.
Der gleiche Stoff kann aber ebenso - wie das folgende Beispiel zeigt - technische
Lösungen ermöglichen, die auch im Weltmaßstab aus ökologischer und wirtschaftlicher
Sicht nicht mehr vernachlässigbar sind:
Korrosionsschutz
Das vielleicht am wenigsten naheliegende und sowohl wissenschaftlich
wie technisch aufwendigste Anwendungsgebiet ist der Korrosionsschutz. Bereits 1987 machte
Zipperling (Ormecon) Entdeckungen, wonach eine polyanilinhaltige Beschichtung auf Metallen
einen gewissen gesteigerten Korrosionsschutzeffekt zeigte.
Trotz jahrelanger Forschung und Weiterentwicklung der Beschichtungen gelang der Durchbruch
erst 1993, als das Prinzip des Effektes erkannt wurde: Polyanilin verhält sich praktisch
wie ein Edelmetall (mit einem Redoxpotential nahe beim Silber), veredelt also die
Oberfläche konventioneller Metalle. Zusätzlich wandelt es die Oberfläche des zu
schützenden Metalls in eine hauchdünne, dichte Metalloxidschicht um.
Beim Eisen oder Stahl entsteht in einer komplizierten Reaktionsfolge, die wir inzwischen
aufklären konnten, Fe203, ganz analog zum Al203
beim Aluminium, das sich bekanntlich an Luft selbst passiviert. "Rost" ist im
Gegensatz zum Fe203 aber eine wilde Mischung aus verschiedensten
Eisenoxiden und -Hydroxiden, so daß Eisen oder Stahl für den Korrosionsangriff immer
weitere neue Oberflächen bilden. Die im Rost angesammelten Salze und Eisenionen
verstärken autokatalytisch die Korrosionsgeschwindigkeit.
Nicht mehr so nach der Beschichtung mit dem neuen organischen Edelmetall: nunmehr ist das
Korrosionspotential (bei Stahl) um bis zu 800 mV verschoben (bei Kupfer sogar um mehr als
2 V), auch verzinkte Bleche und Stähle lassen sich hervorragend schützen. Denn bei einem
gegebenen Potential, das sich aus dem korrosiven Medium ergibt, ist nach der
"Veredelung" nur noch ein Bruchteil, z.B. deutlich unter 1% der vorherigen
Korrosionsgeschwindigkeit meßbar. Hinzu kommt die Passivschicht Fe203,
die allfälligem Rostfraß eine zusätzliche chemische und physikalische Barriere
entgegensetzt.
Die neuen Beschichtungen, die nur als Primer (Grundierung) angeboten werden, stellen also
einen aktiven, und zwar einen anodischen, Schutz dar. Hier ist Polyanilin das edlere
Metall, das das zu schützende Metall oxidiert - glücklicherweise "frißt" es
dieses aber nicht auf, sondern erlaubt mit Hilfe seines komplizierten Redox-Mechanismus'
eine gezielte Oxidation zum stabilen zweiwertigen Oxid.
Effizienzsteigerung um Faktor 5 - 10
Wenn man berücksichtigt, daß nach Angaben der DECHEMA ca. 4% des
Bruttosozialproduktes durch Korrosionsschäden verloren gehen (zwischen 100 und 200 Mrd DM
pro Jahr allein in Deutschland), dann kann der potentielle Wert dieses neuen Werkstoffs
für Wirtschaft und Umwelt nicht hoch genug eingeschätzt werden. Insofern ist
verständlich, warum die "Deutsche Bundesstiftung Umwelt" das Projekt zum Teil
fördert.
Die Effizienzsteigerung, die das neue Verfahren verspricht, ist enorm: In
Laboruntersuchungen scheint die Korrosionsgeschwindigkeit um bis zu 10.000mal niedriger zu
sein als mit konventionellen Beschichtungen. In praktischen Untersuchungen findet man
bisher eine Verlängerung der Lebensdauer metallischer Werkstoffe um den Faktor 5
bis 10, und dies ohne Änderungen der Metalltechnologie selbst!
Naturgemäß sind solche Untersuchungen und vor allem die Entwicklung einer optimalen
Abstimmung zwischen der Metalloberfläche, der neuen passivierenden Grundierung und der
versiegelnden" Decklackschicht für die unterschiedlichsten praktischen
Anwendungen äußerst langwierig. Erste praktische Anwendungen auch im kommerziellen
Maßstab sind aber vielversprechend, und eine breitere Beschäftigung mit dieser neuen
Technologie ist wünschenswert.
Im Interesse der notwendigen Effizienzrevolution wäre es bedauerlich, wenn die Chancen
dieser neuen Werkstoffamilie nur deshalb nicht zum Tragen kämen, weil ihre Erfinder nicht
in großen internationalen Konzernen, sondern in einem deutschen mittelständischen
Unternehmen arbeiten.